Hebel & Würfe


1. Einleitung

Im sportlichen, wie auch im „traditionellen“ Karate Dô haben Bewegungen und Techniken große Bedeutung, welche sich direkt am Trainingspartner abspielen. Diese sind beispielsweise Wurf-, Zieh- und Hebeltechniken. Im folgenden Text wurde eine Übersicht über die historisch erwähnten Würfe im Karate erstellt.

Die 11 Würfe von Funakoshi Gichin: vergessene Wurf- und Bodenführungstechniken des Karate Dō


Autor: Thomas Stenzel nach einem Text von Jesse Enkamp (aus dem Engl. ins Deutsche + Ergänzungen)


Nage-Waza - Wurftechniken


Karate Dō bietet uns ein Vielzahl von Techniken, Strategien und Prinzipien zum wirkungsvollen agieren gegen gewalttätige Übergriffe.

Neben dem heute weit verbreiteten Ausprägungen des sportlich orientierten Karate gibt es jedoch noch weiterführende, tiefgreifende

Trainingskonzepte und Ausprägungen, welche dem ursprünglichen Karate Dō angelehnt sind. Dabei steht das Üben der Kata und

ihrer Anwendungen (Bunkai Jutsu / Kata-Gumite) im Mittelpunkt. Ein fester Bestandteil des sog. „Goshin Jutsu“.


(Selbstverteidigung) sind dabei auch Würfe. Funakoshi Gichin selbst präsentierte eine ausgewählte Gruppe von Würfen in seinen drei

Standartwerken zum Karate Dō. Diese fanden hier deutliche Erwähnung und wurden sogar in Bildersequenzen demonstriert. In der

Tat zeigten auch viele seiner Karate Kollegen (darunter Pioniere wie Miyagi Chōjun, Mabuni Kenwa, Taira Shinken, Motobu Choki,

Konishi Yasuhiro etc.) wiederholt ähnliche Techniken und Bewegungssequenzen wie in den Schriften von Funakoshi selbst. Dies zeigt

uns, dass Wurf- und Bodenführungstechniken sowie Gelenkhebel (Kansetsu-Waza) seit jeher zur Tradition des Karate gehören und

intensiv geübt wurden. Leider verschwanden diese Techniken jedoch weitestgehend aus den Lehrprogrammen der Karatedōjōs (und

der großen Weltverbände), um den im Mittelpunkt stehenden Schlag- und Tritttechniken Platz zu machen.


Hier also ein kleiner  Ausblick in das ursprüngliche, praxisorientierte Karate des Sensei Funakoshi. Im folgenden Text wird eine kurze

Anleitung über die Ausführung der Würfe gegeben sowie kleine zusätzliche praktische Erläuterungen und Ergänzungen angeführt.

Wichtig ist, diese Würfe genau so zu üben wie alle anderen Bereiche des Karate (3 K´s – Kihon, Kata, Kumite) damit eine

wirkungsvolle, effektive Kampfkunst entsteht.


Nr. 1 Byōbu-Daoshi ( 屏風倒 ) - „Den Wandschirm umwerfen“ (auch Wandschirm Wurf)



In seinen bahnbrechenden Arbeiten demonstriert das dritte Buch von Funakoshi GichinKarate Dō Kyōhan“ (1935), den ersten dieser

neun Würfe genannt „Byōbu Daoshi“. Das Wort Byōbu bedeutet wörtlich eine traditionelle Zwischenwand, in der japanischen

Gesellschaft zur Teilung von privaten Räumen verwendet, während Daoshi (taoshi) einfach „umwerfen“ oder „zu stürzen“ bedeutet.


So, wie von Funakoshi oben gezeigt, wählen wir eine Verteidigung der oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki) gegen das Gesicht. Der

Verteidiger gleitet zurück und blockiert den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere Hand) schnell

am Handgelenk gegriffen und gesichert, während mit der anderen Hand stark das Kinn / Hals des Gegners mit der freien Hand

attackiert wird.


Dann geht der Agierende schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen (ähnlich wie beim Judo der Wurf

„O-soto-gari“ ( 大外刈 ) - große Außensichel). Wichtig dabei ist hier eine deutlich starke, sichelnde Bewegung mit dem Bein

auszuführen,während man den Gegner am Oberkörper nach hinten - unten drückt und wirft.



Nr. 2 Koma-Nage ( 獨楽投 ) - „Kreisel-Wurf“ (auch Neiji-Daoshi (捻倒) – „Spiral-Wurf“ oder“Schraubendes Umwerfen“)



In diesem nächsten Wurf, zeigt Meister Funakoshi sehr eindrucksvoll eine beliebte Bunkai Übung aus der Tekki / Naihanchi Kata mit dem Ju-no-Ri“ Prinzip, welches man so häufig im Aikido, Ju-Jutsu und Judo wiederfindet (und natürlich im fortgeschrittenen Karate!!!).


Auszug zum Judo nach Kanō Jigoro:

Kanō Jigoro verstand seine Kampfkunst nicht als ein ausschließliches Technik-System, sondern betonte immer wieder drei Prinzipien:
-
Ju no Ri - Prinzip der Nachgiebigkeit
-
Seiryoku-zenyo - optimale Ausnutzung der Energie
-
Jita-kyoei - gegenseitige Hilfe und Unterstützung

Nach dem Prinzip „Siegen durch Nachgeben“ entwickelte Kanō viele dem Wettbewerb angepasste Würfe (Nage-Waza).


Der Angreifer beginnt hier mit einem Schlag zur mittleren Stufe (Chudan - Zuki). Hierbei gleitet der Verteidiger auf die Rückenseite und

blockiert den Schlag mit einem „Otoshi Uke“ („fallender Block“) der Rückfläche der Hand / des Armes („Heishu“).

Danach greifen sie unmittelbar das Handgelenk des Angreifers, sperren dieses und ziehen es stark nach unten zu ihrer Hüfte.

Gleichzeitig treten sie mit ihrem Bein leicht hinter den Angreifer und führen mit der freien Hand einen Streckhebel zum

Ellenbogengelenk des gegriffenen Armes aus. Anschließend können sie den Angreifer zu Boden führen. Wichtig ist die ankommende

gegnerische Kraft zu nutzen, um die Ausführung der zu Boden führenden Technik zu unterstützen und gleichmäßig zu gestalten.



Nr. 3 Kubiwa ( 頸環 ) – „Halsring“ (auch „Halsschlinge, Kopfschlinge“)



Dieser Wurf beginnt in ähnlicher Weise wie die beiden vorherigen Würfe. Der Gegner greift mit einem hohen Schlag gegen das Gesicht an (Jodan-Zuki). Der Verteidiger gleitet wieder etwas nach außen, wie im zweiten Wurf und blockt dabei mit der vorderen Hand wie im ersten Wurf. Danach rutscht er schnell nach vorn an der Außenseite des Angreifers vorbei (mit Yori-Ashi) und attackiert dabei mit einem Schlag der offenen Hand zum Kinn des Gegners (Shotei-Uchi).


Wenn der Gegner durch den Schlag irritiert und abgelenkt ist gehen wir umgehend mit dem Gleitschritt hinter sein vorderes Bein (Fumi-komi). In einer leicht kreisförmigen Bewegung legen wir den Arm um den Hals des Gegners und „umarmen“ ihn fest, während wir ihn dabei über den Zug über unsere Hüfte zu Boden werfen / führen. Gleichzeitig ziehen oder drücken wir mit der freien Hand an der Schulter des Gegners, um die Wirksamkeit des Wurfes zu erhöhen.



Nr. 4 Katawa-Guruma ( 片輪車 ) – „Krüppel-Rad“ (auch Bikko-Daoshi ( 跛倒 ) – „den Lahmen umwerfen“)



Der Wurf „Katawa-Guruma“ oder Krüppel Rad (ähnlich einem Feuerwehr-Transportgriff) ist ein ziemlich populärer, in vielen Kampfkünsten bekannter Wurf.

Bekannt ist dieser zum Beispiel in den Traditionen des Judo, des griechisch-römischen Ringens und anderer bekannter neuerer Systeme.

In diesem Fall beginnen wir genau wie bei Wurf Nr. 2 - Koma Nage indem wir etwas zurückweichen und den Angriff auf der Außenseite abwehren (Ura-Te). Anschließend bewegen wir uns mit starkem Einsatz in Richtung Gegner und attackieren seinen Solarplexus mit einem Fauststoß (Chudan-Zuki).

Als nächstes bewegen wir uns stark geradeaus in Richtung Gegner und klemmen den angreifenden Arm zwischen uns ein. In dieser Zeit nehmen wir ohne größeren Kraftaufwand den blockenden Arm nach oben und positionieren ihn hinter dem Nacken des Gegners und greifen zu. (… jetzt folgen wir den gezeigten Bildern …)

Mit der freien Hand greifen wir nun nach unten zwischen die Beine des Gegners (ggf. Griff zu den Genitalien) oder einfach nur zu seinem Oberschenkel. Dann heben wir den Gegner so hoch wie möglich aus, während wir den Hals auf der rechten Rückenseite nach unten ziehen.

Diese Bewegung findet sich natürlich in vielen uns bekannten Kata wieder, so zum Beispiel Auszüge aus der Kata Kusanku / Kanku Dai, Passai / Bassai Dai, Unsu / Unshu etc.)


Anmerkung:

Hinweise auf diese Wurfbewegung finden sich auch in der Kata Enpi (jap. 燕飛 ; Sequenz des Kiba-Dachi mit Greifbewegung vor dem

„Sprung“!). Auch im Judo finden wir heute eine (meines Erachtens nach) etwas effektivere Variante dieses Wurfes, das so genannte

Kata Guruma (Schulter Rad), wobei der Gegner über die Schultern gezogen und in einer runden Bewegung über uns selbst nach

unten gezogen wird.


Nr. 5 Tsubame-Gaeshi ( 燕返 ) – „die wendende Schwalbe“ (auch „Schwalbenrückkehr“)



Funakoshi Sensei war für seine poetische Seite bei der Benennung von Techniken und Kata bekannt. Dieser Wurf bildet hierbei keine

Ausnahme.

Um den beschriebenen Wurf durchzuführen gehen wir einen Schritt zurück und führen eine steigende Kreuz-Block Bewegung

(Juji-Uke/ Hasami-Uke) mit offenen Händen nach oben aus, um einen hohen Schlag (Jodan-Zuki) des Gegners auf zu nehmen.

Anschließend greifen wir sofort den angreifenden Arm von innen und kontern mit einem Schlag der Rückfaust (Ura-Ken) zum Kiefer

des Gegners.

Im Folgenden, und das ist der schwierige Teil, bewegen wir uns kreisförmig in Richtung unseres Gegners, während wir uns auf dem

Knie (hier das Linke) abknien. Gleichzeitig ziehen wir den Arm des Gegners und verdrehen diesen, um ihn zu Boden zu führen. Dabei

führen wir unsere Hände zur Hüfte.

Genau wie eine Schwalbe, die in ihrem Nest landet …


Nr. 6 Yari-Dama ( 槍玉 ) – „ das Juwel aufspießen“



In einem weiteren Wurf aus dieser Reihe werden die Genitalien des Gegners attackiert. Hier beginnen wir genau wie im Wurf Nr. 1 (Byōbu Daoshi) indem wir mit unserer offenen vorderen Hand von innen (Shuto-Uke) einen Schlag zur oberen Stufe (Jodan-Zuki) abwehren.

Sofort greifen wir mit der blockenden Hand das Handgelenk des gegnerischen Arms, um es so zu kontrollieren und zu sperren.

Gleichzeitig machen wir einen großen Schritt vorwärts in eine tiefe Shiko-Dachi (auch Kiba- Dachi möglich) Position und schlagen mit

der freien Hand in die „Kronjuwelen“ unseres Gegners. Weiter ziehen wir den Gegner nach vorn am Arm und drücken mit dem

anderen Arm nach oben (auf den Arm) und heben stark von unten, bis wir den Wurf durch Zug nach unten links beenden.

Das Grundprinzip ist hier sehr ähnlich zu dem des „Kata Guruma“ (# 4).


Nr. 7 Tani-Otoshi ( 谷落 ) – „ins Tal fallen lassen“

(auch nur „Talfall“)



Obwohl der Wurf „Tani Otoshi“ heutzutage einer der häufigsten angewandten im Leistungssportbereich des Judo ist ähnelt dieser Wurf von Funakoshi mehr der modernen Version des  Seoi-nage (背負投 , Schulterwurf wenn auch mit einer etwas breiteren Fußstellung).


Der Gegner greift mit einem Fauststoß zur Brust nach vorn an (Chudan-Zuki). Wir machen dabei einen Schritt mit dem rechten Bein

zurück und parieren den Schlag mit der vorderen Hand. Anschließend packen wir sofort den angreifenden Arm und ziehen ihn an

unsere Seite (wahre Bedeutung von“Hikite“). Dabei kontern wir in schneller Ausführung zum Gesicht oder einer anderen

empfindlichen Stelle des Gegners.


Zweck der zahlreichen Konter (Atemi-Waza) ist es den Gegner zu stören und Vorteile über eine natürliche Reaktion des Gegners oder

einen Schmerz auslösen Rückzug Reflex zu provozieren, damit es leichter wird den Gegner zu übernehmen und anschließend

zuwerfen.


Wenn der Gegner „zusammen zuckt“ machen wir einen Schritt nach vorn und schwingen den angreifenden Arm unter den

ausgestreckten Arm des Gegners. Wir drehen uns ein, hebeln den Arm im Ernstfall kurz am Ellenbogengelenk und werfen ihn über

die Schulter auf den Boden. Danach erfolgt eine beliebige Kontrolltechnik am Boden.


Anmerkung:

In der Kata Heian Godan finden wir beispielsweise eine Sequenz zur Anwendung dieses Wurfes (Sequenz vor dem „Sprung“!)


Nr. 8 Udewa ( 腕環 ) – „Armring“ (auch Kusariwa ( 鎖環 ) – „Kettenring“)



Um zu demonstrieren, dass diese Würfe auch bei der Verteidigung gegen andersartige Angriffe als nur geraden Techniken

(Tsuki-Waza) möglich sind, wird mit diesem „Ude Wa“- Wurf von Funakoshi gegen einen doppelten Griff zum Revers / einer Würge /

beidseitigem Stoß verteidigt.


Der Gegner nähert sich uns mit ausgestreckten Armen, um uns zu greifen (erste einfache Trainingsvariante; weitere reelle Attacken

können aus der Nahdistanz heraus praktiziert werden). Dabei lenken wir schnell den Angriff nach oben ab und kontern sofort mit

doppelten horizontalen „Hammerfaust - Schlag“ (Tettsui-Uchi) gegen die Körpermitte. (Ich empfehle als Ziel die knorpeligen medialen

Abschnitte der unteren Rippen, da sie am leichtesten zu brechen sind). Während der Gegner nach Luft schnappt, beugen wir uns

nach unten und umarmen seine Beine fest. Dabei schieben wir mit unserer Schulter stark gegen seine Hüftknochen, ziehen dabei an

den Beinen und werfen ihn auf den Boden. Anschließend erfolgt derFinalstoß“ zu den Genitalien oder das Gesicht des Gegners, je

nach Position.


Anmerkung:

Eine typische Applikation dieses Wurfes finden wir beispielsweise in der Kata Bassai Dai. (Bewegung des Aufstehens mit doppeltem

„Age-Uke“, Hasami-Uchi und Oi-Zuki)



Nr. 9 Saka-Zuchi ( 逆槌 ) - „der umgekehrte Hammer“ (auch Gyaku Zuchi - „umgedrehter Vorschlaghammer“)


Dieser Wurf, hier bezeichnet als „umgedrehter Vorschlaghammer“ oder auch „Hammerdrehung“ findet sich heute oft im westlichen

Wrestling als sogenannter „Piledriver“.


Der Gegner versucht Sie wieder mit einem hohen Schlag zu attackieren (Jodan-Zuki). Wir lenken den Schlag durch Schritt zurück mit einem steigenden Block nach oben (Age-Uke) ab.

Dann gleiten wir schnell nach vorne zur Außenseite des gegnerischen Angriffs und umfassen seinen oberen Rücken mit unserer Hand. Wir blockieren mit der freien Hand den Gegner während sich diese vor seinem Bauch schiebt. Jetzt drehen wir den Gegner um und lassen ihn nach unten auf den Kopf fallen (entweder durch einfaches Loslassen des Griffs oder Hinsetzen). Vorsicht ist geboten!


Anmerkung: Dieser Wurf ist nur etwas für Kenner und Könner der Materie. Für die Selbstverteidigung ist er wenig praktikabel, da hier

das Kräfteverhältnis stimmen muss um den Gegner überhaupt erst einmal umzudrehen und geschweige denn zu werfen.



Nr. 10 Nodo-Osae ( 咽抑 ) – „die Kehle drücken“



Dieser als „Kehlendruck“ beschriebene Wurf ist Inhalt des Buches von 1922 und 1925. Warum dieser im letzten Buch keine Erwähnung findet ist rein spekulativ. Möglich das die Anwendung zum allgemeinen Gebrauch zu brutal erschien und damit als offenes Lehrkonzept ausschied. Hier eine kurze Beschreibung.


Generell ist die Ausführung ähnlich dem Wurf Nr. 1 Byōbu-Daoshi Wir wählen wieder eine Verteidigung der oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki). Der Verteidiger gleitet zurück und blockt den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere Hand) schnell am Handgelenk gegriffen und gesichert (ähnlich kann man dies auch mit einem attackierenden Bein tun), während mit der anderen Hand stark die Kehle des Gegners mit der freien Hand attackiert und gedrückt wird.

Dann gehen wir wieder schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen. (ähnlich Osoto Gari aus dem Judo) Vorsicht ist geboten!



Nr. 11 Ude-Daoshi (
腕倒 ) – „mit den Armen umwerfen“ (auch „Armfällwurf“- hier leider keine Bilder vorhanden)


Der von Sensei Funakoshi in seinem ersten Buch von 1922 (Ryūkyū Kempo Karate Dō) beschriebene Wurf Ude-Daoshi ähnelt in

seiner Ausführung stark dem des Byōbu-Daoshi, welcher 1935 in „Karate Dō Kyōhan“ aufgeführt wurde.


Auch hier nehmen wir wieder eine Verteidigungsposition gegen eine Angriff zur oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki) gegen das

Gesicht ein. Der Verteidiger gleitet zurück und blockiert den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere

Hand) schnell am Handgelenk gegriffen und gesichert, während mit der anderen Hand stark das Kinn / Hals / Gesicht des Gegners

mit der freien Hand attackiert wird. Dann geht der Agierende schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen.


Dabei wird jedoch nicht, wie bei „Byōbu Daoshi“, mit dem Bein gesichelt (kein „Osoto-gari“ ( 大外刈 ) - große Außensichel). Sondern

mit der freien Hand am Gesäß / Steißbein des Gegners gedrückt und dieser dann nach hinten über das Bein geworfen.



Ergänzungen zum historischen Programm:

Nr. 12 Uki-goshi – „der Hüftschwung“


Hierbei dreht man ein, fixiert den Angreifer jedoch schon während der Eindrehbewegung, so dass dieser rechtwinklig zu uns steht. Durch unsere aktive Beinstreckung wird das Gleichgewicht des Angreifers endgültig gebrochen, und durch die Fortsetzung der
Eindrehbewegung, insbesondere durch Zurücksetzen des vom Angreifer abgewandten Beines von uns, sowie Armzug wird er zu Boden geschleudert.


Nr. 13 O-goshi ( 大腰 ) - „großer Hüftwurf“


Dieser sehr bekannte Grundlagenwurf aus dem Judo sollte auch jeder Karateka in sein Grundrepertoire aufnehmen und beherrschen. Der Angreifer wird mit einer Hand am Handgelenk oder Revers gepackt, während sich der andere Arm um die Hüfte legt. Dann wird der Gegner über die eigene Hüfte gezogen, leicht ausgehoben und mit kräftigem Zug über die Hüfte nach unten zu Boden geworfen. So leicht geht’s!


Viel Spaß beim Üben!


Tabellarische Auflistung der Würfe nach Funakoshi Gichin: (Quelle [1] ; [2]) aus Holgers Artikel


Lfd. Nr.

1935

1925

1922

1

Byōbu-Daoshi

n.v.

n.v.

2

Koma-Nage

Neiji-Daoshi

Neiji-Daoshi

3

Kubi-Wa

Kubi-Wa

Kubi-Wa

4

Katawa-Guruma

n.v.

Bikko-Daoshi

5

Tsubame-Gaeshi

n.v.

n.v.

6

Yari-Dama

Yari-Dama

Yari-Dama

7

Tani-Otoshi

n.v.

n.v.

8

Ude-Wa

Kusari-Wa

Kusari-Wa

9

Saka-Zuchi

Tani-Otoshi

Tani-Otoshi

10

n.v.

Nodo-Osae

Nodo-Osae

11

n.v

n.v.

Ude-Daoshi

Bilder:

[A] Bilder 1 – 9 aus „Karate Dō Kyōhan“ - Funakoshi Gichin 1935, Original: Karate Dō Kyōhan Master Text by Gichin Funakoshi,

     Published in 1935, First edition 302 pages, Japanese Language

[B] Bild 10 „Rentan Goshin Toudi Jutsu“ - Toudi (Karate) Arts: Polish Your Courage for Self Defense by Gichin Funakoshi, Published by

     Daisoko Bundo, Originally published in March 10, 1925 6th pringint, April 1st, 1926 Japanese Language


Quellen:

[1] „Shōtōkan“- überlieferte Texte, historische Untersuchungen Band 1 & 2 – Wittwer, H.

[2] „Kyōhan“ - Was die alten Meister wußten; www.karate-kyohan.de – Nietzold, H.

[3] „Karate Dō Kyōhan“ - Funakoshi Gichin 1935; Original: Karate Dō Kyōhan Master Text by Gichin Funakoshi, Published in 1935, First

      edition 302 pages, Japanese Language

[4] „Rentan Goshin Toudi Jutsu“ - Toudi (Karate) Arts: Polish Your Courage for Self Defense by Gichin Funakoshi, Published by

      Daisoko Bundo, Originally published in March 10, 1925 6th pringint, April 1st, 1926 Japanese Language

[5] Ryūkyū Kempō Karate Dō” (1922) – Funakoshi Gichin

[6] „Karate by Jesse“ Artikel von www.karatebyjesse.com - Jesse Enkamp 08 / 2012 - umgeschrieben, ergänzt und übersetzt ins

      Deutsche von Thomas Stenzel


Für Hinweise , Verbesserungen und weitere Anregungen zu diesem Thema bin ich sehr dankbar und freue mich über jede Art der

Rückmeldung zu diesem Text. - Thomas -


2. Würfe im Shôtôkan Karate - NAGE WAZA

Autor: Holger Nietzold (www.karate-kyohan.de)

Leider wird vom Großteil der Karateka nur das Schlagen, Stoßen, Treten und Annehmen (Blocken) geübt. Für den Wettkampf ist sogar nicht einmal das notwendig. Karate selbst ist, in meinen Augen, eine komplette waffenlose Kampfkunst, die eben nicht nur aus Schlagen, Treten und Blocken besteht.


Funakoshi Gichin hielt in seinem Buch “Karate Dō Kyōhan” folgendes fest.


Schlagen, Stoßen und Treten sind nicht die einzigen Methoden im Karate. Wurftechniken und das Drücken gegen die Gelenke sind ebenfalls ein Bestandteil. [...] Man sollte immer daran denken, dass, obwohl das Wesentliche des Karate aus einem einzigen Stoß oder Tritt besteht und man sich niemals von einem Gegner greifen lassen sollte oder sich auf eine Rangelei mit ihm einlassen sollte, man vorsichtig sein und nicht dadurch verlieren sollte, weil man Bedenken hat, einen Wurf anzubringen oder den Gegner in einen Haltegriff zu nehmen. [...] All diese Techniken sollten in Bezug auf die grundlegenden Kata studiert werden.

Vielen ist diese Seite des Karate leider nicht bekannt. Selbst unter denjenigen, denen dieser Fakt bekannt ist, trainiert nur ein Bruchteil Würfe, Hebel und so weiter. Auch wenn der primäre Fokus im Karate nicht bei den Würfen liegt, sollten diese Fähigkeiten durchaus ausgebildet werden, um ein entsprechend vielseitiges Arsenal an Möglichkeiten einsetzen zu können, für den Fall der Fälle. Würfe waren von jeher Bestandteil des Karate. Hierzu gibt es sogar recht frühzeitige Augenzeugenberichte.


Im Jahre 1762 hielt ein konfuzianischer Gelehrter in seinen Aufzeichnungen, bekannt als Ōshima Hikki (大島筆記) fest, dass ein Schiff auf dem Weg vom Königreich Ryūkyū nach Satsuma gestrandet war. So weit so unspektakulär. Auf diesem Schiff befand sich allerdings ein Offizier, der von einem chinesischen Gesandten und dessen Kampfkunst berichtete. Bei diesem Gesandten handelte es sich wohl um einen Mann, der als Kūshankū bekannt war. Der Offizier berichtete ausführlich darüber, dass dieser im Jahre 1756 nach Okinawa kam und seine Kampfkunst und einige Schüler mitbrachte. Er berichtet von Demonstrationen dieser Kampfkunst, in der Kūshankū, der wohl ein Grappling Spezialist gewesen sein soll, wenig Mühe hatte auch größere und schwerere Gegner zu besiegen. Da zwischen dieser Zeit und dem Schiffbruch einige Jahre dazwischen liegen, muss die Kampfkunst des Kūshankū einen doch erheblichen Eindruck hinterlassen haben. Eine Methode, die Kūshankū angewendet haben soll, um seine Gegner zu besiegen, ist ein Wurf der im Jūdō als Kani Basami bekannt ist.


Ein weiterer Hinweis auf Würfe findet sich im Bubishi. Viele der alten Meister auf Okinawa waren im Besitz einer Kopie dieses Büchleins und verwendeten es ausgiebig bei ihren Studien zur Kampfkunst. Im Artikel 29 des Bubishi, bei den 48 Kampfdiagrammen, finden sich einige Würfe wieder, unter anderem auch der von  Kūshankū verwendete Wurf. Da die hier aufgeführten Methoden auch in den Kata wieder zu finden sind, ist dies ein klares Indiz dafür, dass Würfe immer schon ein nicht unbekannter Teil des Karate waren.


Beispiele für Würfe aus dem Būbishi

Beispiele für Würfe aus dem Bubishi


Funakoshi Gichin selbst zeigt in seinen Büchern “Ryūkyū Kempō Karate” (1922), “Rentan Goshin Tōde Jutsu” (1925) und “Karate Dō Kyōhan” (1935)einige Würfe auf.

In seinem 1922iger Buch listet er acht Würfe auf:

Neiji-Daoshi (捻倒) – Spiral-Wurf
Kusari-Wa (
鎖環) – Kettenschlinge
Tani-Otoshi (
谷落) – Talfall
Yari-Dama (
槍玉) – Juwelenspieß
Bikko-Daoshi (
跛倒) – Lahmen-Wurf
Kubi-Wa (
頸環) – Halsschlinge
Ude-Daoshi (
腕倒) – Arm-Wurf
Nodo-Osae (
咽抑) – Kehlendruck

In seinem zweiten Buch von 1925 zeigt er nur sechs Würfe:

Neiji-Daoshi (捻倒) – Spiral-Wurf
Kusari-Wa (
鎖環) – Kettenschlinge
Tani-Otoshi (
谷落) – Talfall
Yari-Dama (
槍玉) – Juwelenspieß
Kubi-Wa (
頸環) – Halsschlinge
Nodo-Osae (
咽抑) – Kehlendruck

In “Karate Dō Kyōhan” sind dann schließlich neun Würfe abgebildet:

Byōbu-Daoshi (屏風倒) – Wandschirm-Wurf
Koma-Nage (
獨楽投) – Kreisel-Wurf
Kubi-Wa (
首環) – Kopfschlinge
Katawa-Guruma (
片輪車) – Krüppel-Rad
Tsubame-Gaeshi (
燕返) – Schwalbenrückkehr
Yari-Dama (
槍玉) – Juwelenspieß
Tani-Otoshi (
谷落) – Talfall
Ude-Wa (
腕環) – Armschlinge
Saka-Zuchi (
逆槌) – Hammerdrehung

Bemerkenswert ist hierbei, dass sich die Namen mancher Würfe im Laufe der Zeit ändern. Ein Beispiel dafür ist der zuvor in zwei Büchern aufgeführte Neiji-Daoshi. Dieser wurde umbenannt in Koma-Nage. Der vormals als Kusari-Wa angegebene Wurf, wurde in Ude-Wa umbenannt. Sehr verwirrt hat mich anfänglich der vormals als Tani-Otoshi angegebene Wurf. Dieser unterschied sich erheblich von dem in “Karate Dō Kyōhan” abgebildeten Wurf mit demselben Namen. Hier hat Funakoshi den Tani-Otoshi zum Saka-Zuchi gemacht und einem neuen Wurf den Namen Tani-Otoshi gegeben. Teilweise verändert Funakoshi auch die Schreibweise der Würfe. Während er Kubi-Wa vormals mit dem Kanji schreibt, verwendet er in “Karate Dō Kyōhan” das Kanji , so dass sich die Bedeutung leicht ändert. Aus der Halsschlinge wurde somit die Kopfschlinge.

Nachfolgend noch einmal eine Übersicht über die in Funakoshis Büchern aufgezeigten Würfe. Ich sortiere bei dieser Übersicht die Würfe nach den neun Würfen aus “Karate Dō Kyōhan” und füge die darin nicht enthaltenen Würfe hinten an.


1935

1925

1922

Byōbu-Daoshi

n.v.

n.v.

Koma-Nage

Neiji-Daoshi

Neiji-Daoshi

Kubi-Wa

Kubi-Wa

Kubi-Wa

Katawa-Guruma

n.v.

Bikko-Daoshi

Tsubame-Gaeshi

n.v.

n.v.

Yari-Dama

Yari-Dama

Yari-Dama

Tani-Otoshi

n.v.

n.v.

Ude-Wa

Kusari-Wa

Kusari-Wa

Saka-Zuchi

Tani-Otoshi

Tani-Otoshi

n.v.

Nodo-Osae

Nodo-Osae

n.v

n.v.

Ude-Daoshi

(nach Henning Wittwer - "Shôtôkan" - Historische Untersuchungen Band 1 & 2)

Es gibt noch einige Würfe mehr, die im Zusammenhang mit einigen Kata trainiert werden, die Funakoshi nicht mit in seine Veröffentlichungen aufnahm. Diese sollten sicherlich nur als Beispiele dienen. Wichtig ist es, die Prinzipien, die einem funktionierenden Wurf unterliegen, zu kennen, um diese dann entsprechend anwenden zu können.



3. Würgetechnik - SHIME WAZA


Würgetechniken finden sich im Karate Dô hauptsächlich in der Interpretation der Techniken der Kata (Bunkai) und tragen zur Vervollständigung der Selbstverteidigungstechniken- und Prinzipien bei.



4. Hebeltechnik - KANSETSU WAZA


...können an fast allen peripheren, also dem Körperstamm fernen Gelenken, angesetzt werden. Hierbei kann man folgende grobe Einteilung treffen.

1. Streckhebel → im Schultergelenk, im Ellenbogengelenk, in den Fingergelenken, im Kniegelenk, im Fußgelenk

                              (oberes und unteres Sprunggelenk), an den Kopfgelenken

2. Drehhebel    → im Handgelenk, im Ellenbogengelenk, im Kniegelenk

3. Beugehebel → im Schultergelenk, im Handgelenk


Beispiele

  • Armstreckhebel – Haltegriff (Ude osae)

  • Armdrehhebel– Haltegriff (Kote mawashi)

  • Handdrehhebel– Haltegriff (Kote hineri)

  • Armpressdrehhebel–Haltegriff (Tebuki osae)

  • Armschlüssel (Ude nobashi)

Diese Techniken enden in überwiegender Häufigkeit am Boden und dienen dazu den Angreifer fest zu setzen!

Weitere Möglichkeiten für Hebelbewegungen befinden sich direkt am Boden in Kontakt mit dem Partner.